Barbara Haag-Zellweger
Journey
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Der angekettete Elefant
Traurigkeit und Wut
Die Stadt der Brunnen
In Kürze
Reserve


Der angekettete Elefant

DER ANGEKETTETE ELEFANT


Ich kann nicht“, sagte ich. „Ich kann es einfach nicht.“
„Bist du sicher?“ fragte er mich.
„Ja, nichts täte ich lieber, als mich vor sie hinzustellen
und ihr zu sagen, was ich fühle … Aber ich weiss, dass ich
es nicht kann.“
Der Dicke setzte sich im Schneidersitz in einen dieser
fürchterlichen blauen Polstersessel in seinem Sprechzim-
mer. Er lächelte, sah mir in die Augen, senkte die Stimme
wie immer, wenn er wollte, dass man ihm aufmerksam
zuhörte, und sagte:
„Komm, ich erzähl dir eine Geschichte.“
Und ohne ein Zeichen meiner Zustimmung abzuwar-
ten, begann er zu erzählen.
 
ALS ICH EIN kleiner Junge war, war ich wollkommen
vom Zirkus fasziniert, und am meisten gefielen mir die
Tiere. Vor allem der Elefant hatte es mir angetan. Wie ich
später erfuhr, ist er das Lieblingstier vieler Kinder. Während
der Zirkusvorstellung stellte ich das riesige Tier sein unge-
heures Gewicht, seine eindrucksvolle Grösse und seine Kraft
zur Schau. Nach der Vorstellung aber und auch in der Zeit bis
kurz vor seinem Auftritt blieb der Elefant immer am Fuss an
einen kleinen Pflock angekettet.

Der Pflock war allerdings nichts weiter als ein winziges
Stück Holz, das kaum ein paar Zentimeter tief in der
Erde steckte. Und obwohl die Kette mächtig und schwer
war, stand für mich ganz ausser Zweifel, dass ein Tier, das
die Kraft hatte, einen Baum mitsamt der Wurzel auszu-
reissen, sich mit Leichtigkeit von einem solchen Pflock
befreiten und fliehen konnte.
   Dieses Rätsel beschäftigt mich bis heute.
Was hält ihn zurück?
Warum macht er sich nicht auf und davon?
   Als Sechs- oder Siebenjähriger vertraute ich noch auf
die Weisheit der Erwachsenen. Also fragte ich einen
Lehrer, einen Vater oder Onkel nach dem Rätsel des Ele-
fanten. Einer von ihnen erklärte mir, der Elefant mache
sich nicht aus dem Staub, weil der dressiert sei.
   Meine nächste Frage lag auf der Hand: „Und wenn er
dressiert ist, warum muss er dann noch angekettet wer-
den?“
   Ich erinnerte mich nicht, je eine schlüssige Antwort
darauf bekommen zu haben. Mit der Zeit vergass ich das
Rätsel um den angeketteten Elefanten und erinnerte mich
nur dann wieder daran, wenn ich auf andere Menschen
traf, die sich dieselbe Frage irgendwann auch schon ein-
mal gestellt hatten.
   Vor einigen Jahren fand ich heraus, dass zu meinem
Glück doch schon jemand weise genug gewesen war, die
Antwort auf die Frage zu finden:
 Der Zirkuselefant flieht nicht, weil er schon seit frühester
Kindheit an einen solchen Pflock gekettet ist.
Ich schloss die Augen und stelle mir den wehrlosen
neugeborenen Elefanten am Pflock vor. Ich war mir
sicher, dass er in diesem Moment schubst, zieht und
schwitzt und sich befreien versucht. Und trotz aller
Anstrengung gelingt es ihm nicht, weil dieser Pflock zu
fest in der Erde steckt.
   Ich stellte mir vor, dass er erschöpft einschläft und es
am nächsten Tag gleich wieder probiert, und am nächsten
Tag wieder, und am nächsten …. Bis eines Tages, eines für
seine Zukunft verhängnisvollen Tages, das Tier seine
Ohnmacht akzeptiert und sich in sein Schicksal fügt.
   Dieser riesige, mächtige Elefant, den wir aus dem Zir-
kus kennen, flieht nicht, weil der Ärmste glaubt, dass er
es nicht kann.
 Allzu tief hat sich die Erinnerung daran, wie ohnmächtig
er sich kurz nach seiner Geburt gefühlt hat, in sein Gedächtnis
eingebrannt.
   Und das Schlimme dabei ist, dass er diese Erinnerung
nie wieder ernsthaft hinterfragt hat.
Nie wieder hat er versucht, seine Kraft auf die Probe
zu stellen.
 
„So ist, es Demian, uns allen geht es ein bisschen so wie
diesem Zirkuselefanten: Wir bewegen uns in der Welt, als
wären wir an Hunderte von Pflöcken gekettet.
   Wir glauben, einen ganzen Haufen Dinge nicht zu können,
bloss weil wir sie ein einziges Mal, vor sehr langer Zeit,
damals, als wir noch klein waren, ausprobiert haben und
gescheitert sind.
   Wir haben uns genauso verhalten wie der Elefant, und
auch in unser Gedächtnis hat sich die Botschaft einge-
brannt: Ich kann das nicht, und ich werde es niemals kön-
nen.
    Mit dieser Botschaft, der Botschaft, dass wir machtlos
sind, sind wir gross geworden, und seitdem haben wir nie-
mals mehr versucht, uns von unserem Pflock loszureissen.
Manchmal, wenn wir die Fussfesseln wieder spüren und
mit den Ketten klirren, gerät uns der Pflock in den Blick,
und wir denken: Ich kann nicht, und werde es niemals können.
 
Jorge machte eine lange Pause. Dann rückte er ein Stück
heran, setzte sich mir gegenüber auf den Boden und sprach
Weiter:
 „Genau dasselbe hast auch du erlebt, Demian. Dein
Leben ist von der Erinnerung an einen Demian geprägt,
den es gar nicht mehr gibt und der nicht konnte.
Der einzige Weg herauszufinden, ob du etwas kannst
oder nicht, ist, es auszuprobieren, und zwar mit vollem 
Einsatz. Aus ganzem Herzen!"
 
 
 
aus „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“
von Jorge Bucay 

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